Bayern ist eines der Bundesländer mit der höchsten Wildunfallrate in Deutschland. Allein in Bayern werden jedes Jahr über 70.000 Wildunfälle polizeilich registriert — die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher. Besonders auf Bundesstraßen und Landstraßen im Umland von München sind Zusammenstöße mit Rehen, Wildschweinen und Hirschen keine Seltenheit. Doch welche Versicherung zahlt bei einem Wildunfall? Was müssen Sie sofort tun? Und wann lohnt sich ein Gutachten?
Was zählt rechtlich als Wildunfall?
Ein Wildunfall im versicherungsrechtlichen Sinne liegt vor, wenn ein Kraftfahrzeug mit einem Wildtier kollidiert. Entscheidend ist dabei die Art des Tieres: Die klassische Teilkaskoversicherung deckt in der Regel den Zusammenstoß mit sogenanntem Haarwild ab. Dazu gehören Rehe, Hirsche, Wildschweine, Füchse, Hasen und Dachse.
Einige Versicherungstarife haben den Schutz inzwischen auf alle Wirbeltiere oder sogar alle Tiere erweitert. Prüfen Sie Ihre Versicherungsbedingungen, ob auch Vögel, Kühe, Pferde oder Hunde mitversichert sind. Wer einen erweiterten Schutz hat, ist bei Kollisionen mit Nutztieren oder freilaufenden Haustieren ebenfalls abgesichert.
Wichtig: Ein reiner Ausweichunfall — also ein Unfall, bei dem Sie einem Tier ausweichen und dabei beispielsweise gegen einen Baum fahren, ohne das Tier zu berühren — wird von der Teilkasko oft nicht übernommen. Hier kommt in der Regel nur die Vollkaskoversicherung zum Tragen.
Teilkasko: Der Standardschutz bei Wildunfällen
Die Teilkaskoversicherung deckt Schäden durch den Zusammenstoß mit Haarwild. Das umfasst die Reparaturkosten oder bei Totalschaden den Wiederbeschaffungswert Ihres Fahrzeugs. Die Teilkasko greift unabhängig von der Schuldfrage — denn das Wild kann logischerweise nicht haftbar gemacht werden.
Bei der Regulierung über die Teilkasko fällt die vereinbarte Selbstbeteiligung an, die je nach Vertrag zwischen 150 und 500 Euro liegt. Der große Vorteil: Ein Teilkaskoschaden führt nicht zu einer Hochstufung in der Schadensfreiheitsklasse. Ihre Beiträge bleiben im Folgejahr unverändert.
Vollkasko: Notwendig bei Ausweichunfällen
Wenn Sie einem Tier ausweichen und dabei Ihr Fahrzeug beschädigen, ohne dass es zu einer direkten Kollision mit dem Tier kam, zahlt die Teilkasko in vielen Tarifen nicht. In diesem Fall ist die Vollkaskoversicherung zuständig.
Das Problem: Ein Vollkaskoschaden führt zur Rückstufung in der Schadensfreiheitsklasse und damit zu höheren Beiträgen in den Folgejahren. Bevor Sie den Schaden über die Vollkasko regulieren, sollten Sie daher eine Wirtschaftlichkeitsberechnung anstellen. Manchmal ist es günstiger, den Schaden selbst zu tragen, als die höheren Beiträge über Jahre hinweg zu zahlen.
Lassen Sie sich hierzu von Ihrem Versicherungsmakler oder einem unabhängigen Gutachter beraten.
Was tun unmittelbar nach einem Wildunfall?
Unfallstelle absichern: Schalten Sie die Warnblinkanlage ein, ziehen Sie die Warnweste an und stellen Sie das Warndreieck auf. Wildunfälle passieren häufig in der Dämmerung auf schlecht beleuchteten Straßen — die Absicherung ist daher besonders wichtig.
Polizei verständigen: Rufen Sie in jedem Fall die Polizei. Die Beamten nehmen den Unfall auf und stellen eine Wildunfallbescheinigung aus. Dieses Dokument ist für die Versicherungsregulierung unverzichtbar. Ohne Wildunfallbescheinigung wird die Teilkasko den Schaden möglicherweise nicht anerkennen.
Tier nicht anfassen: Ein verletztes Wildtier kann panisch reagieren und sich wehren. Halten Sie Abstand und überlassen Sie die Bergung dem Jäger oder der Polizei. Das Mitnehmen von Wildtieren ist zudem nach dem Jagdrecht strafbar (Wilderei nach § 292 StGB).
Beweise sichern: Fotografieren Sie den Unfallort, Ihr Fahrzeug und — wenn möglich — das Tier. Dokumentieren Sie Wildspuren wie Fell, Blut oder Hufe an Ihrem Fahrzeug. Diese Spuren sind der Nachweis, dass tatsächlich ein Wildunfall stattgefunden hat.
Jäger informieren: Die Polizei benachrichtigt in der Regel den zuständigen Jagdpächter. Dieser kümmert sich um das verletzte oder getötete Tier und bestätigt den Wildunfall.
Gutachten bei Wildunfällen: Wann es sich lohnt
Auch bei einem Wildunfall kann ein unabhängiges Kfz-Gutachten sinnvoll sein. Da es bei einem Wildunfall keinen gegnerischen Haftpflichtversicherer gibt, der die Gutachterkosten übernimmt, trägt der Geschädigte diese Kosten zunächst selbst. Daher ist die Entscheidung für oder gegen ein Gutachten eine wirtschaftliche Abwägung.
Hoher Schaden: Bei Schäden im fünfstelligen Bereich, die bei Frontalzusammenstößen mit Wildschweinen oder Hirschen schnell erreicht werden, ist ein Gutachten dringend empfehlenswert. Es stellt sicher, dass die Versicherung den tatsächlichen Schadensumfang anerkennt und nicht pauschal kürzt.
Totalschaden: Wenn die Reparaturkosten den Wiederbeschaffungswert übersteigen, liegt ein wirtschaftlicher Totalschaden vor. Ein Gutachten beziffert den genauen Wiederbeschaffungswert und den Restwert des Fahrzeugs. Ohne Gutachten setzen Versicherungen den Wiederbeschaffungswert häufig zu niedrig an.
Versteckte Schäden: Wildunfälle verursachen oft Schäden, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind: verbogene Achsteile, beschädigte Kühler, verzogene Motorhauben, gerissene Schläuche. Ein Gutachter deckt diese Schäden auf und dokumentiert sie für die Regulierung.
Streitfall mit der Versicherung: Wenn die Versicherung den Schaden nicht als Wildunfall anerkennt oder die Schadenshöhe bestreitet, ist ein Gutachten das wichtigste Beweismittel. Der Sachverständige kann anhand der Schadensspuren nachweisen, dass der Schaden tatsächlich durch eine Tierkollision entstanden ist.
Typische Schadenskosten bei Wildunfällen
Die Kosten eines Wildunfalls variieren stark, je nach Geschwindigkeit, Größe des Tieres und betroffenem Fahrzeugbereich.
- Zusammenstoß mit einem Hasen bei niedriger Geschwindigkeit: 500 bis 1.500 Euro (Schürze, Stoßstange)
- Kollision mit einem Reh bei 70 bis 80 km/h: 3.000 bis 8.000 Euro (Front, Kühler, Motorhaube)
- Zusammenstoß mit einem Wildschwein: 5.000 bis 15.000 Euro (oft massive Frontschäden, Fahrwerk betroffen)
- Kollision mit einem Hirsch: 8.000 bis 25.000 Euro (häufig Totalschaden bei normalen Pkw)
Bayern: Besonders hohe Wildunfallgefahr
Bayern zählt zu den Bundesländern mit der höchsten Wildunfalldichte. Die Kombination aus ausgedehnten Waldflächen, einem dichten Netz an Land- und Bundesstraßen und hohen Wildbeständen macht das Risiko besonders groß.
Im Großraum München sind vor allem die Bundesstraßen in Richtung Starnberg, Wolfratshausen, Erding und Freising betroffen. Auch die Strecken durch den Forstenrieder Park und den Ebersberger Forst gelten als Wildwechsel-Schwerpunkte.
Die gefährlichsten Zeiten sind die Morgendämmerung und die Abenddämmerung, insbesondere in den Monaten April bis Mai (Rehwild auf Nahrungssuche) und Oktober bis November (Brunftzeit). In diesen Zeiträumen sollten Sie auf Landstraßen besonders aufmerksam fahren.
Präventionstipps
- Geschwindigkeit anpassen: In Waldgebieten und bei Dämmerung reduzieren Sie die Geschwindigkeit auf ein Niveau, bei dem Sie rechtzeitig bremsen können.
- Wildwechselschilder beachten: Die Verkehrszeichen 142 (Wildwechsel) markieren Streckenabschnitte mit erhöhter Wildwechselgefahr.
- Fernlicht nutzen: Bei freier Strecke und Dunkelheit sehen Sie Wildtiere am Straßenrand mit Fernlicht früher. Blenden Sie ab, sobald Sie ein Tier erkennen, da das Licht die Tiere blenden und auf der Straße erstarren lassen kann.
- Nicht ruckartig ausweichen: Eine kontrollierte Bremsung ist fast immer sicherer als ein riskantes Ausweichmanöver. Ein Zusammenstoß mit einem Reh ist in der Regel weniger gefährlich als ein Zusammenstoß mit einem Baum oder dem Gegenverkehr.
Fazit
Ein Wildunfall ist ärgerlich und kann teuer werden, aber Sie sind nicht schutzlos. Die Teilkaskoversicherung deckt den Zusammenstoß mit Haarwild ab, für Ausweichunfälle brauchen Sie eine Vollkasko. Sichern Sie am Unfallort Beweise, rufen Sie die Polizei und lassen Sie sich eine Wildunfallbescheinigung ausstellen.
Bei höheren Schäden oder im Streitfall mit der Versicherung hilft ein unabhängiges Kfz-Gutachten. Als IHK-zertifizierter Kfz-Sachverständiger in München stehe ich Ihnen, Marco Schuster, auch bei Wildunfällen beratend zur Seite. Kontaktieren Sie mich für eine kostenlose Ersteinschätzung Ihres Schadens.
Einsatzgebiete in Ihrer Nähe
Der Ebersberger Forst östlich von München zählt zu den Gebieten mit den meisten Wildunfällen in Oberbayern. Rund um Ebersberg, Markt Schwaben und Grafing sind Zusammenstöße mit Rehen und Wildschweinen besonders in der Dämmerung häufig. Auch auf den Landstraßen bei Kirchseeon und Poing bin ich nach einem Wildunfall schnell vor Ort, um den Schaden fachgerecht zu dokumentieren.